Gletscherforschung hat im hinteren Zillertal eine lange Tradition. Treibende Kraft war die Sektion Berlin, die bereits in den 1880er Jahren Gletschermessungen (Veränderungen der Zungenenden) an Waxegg-, Horn- und Schwarzensteinkees gefördert hat. Man folgte dem Aufruf des angesehenen österreichischen Hochgebirgsgeographen und Alpinisten Eduard Richter, die sporadischen Gletscherbeobachtungen zu vereinheitlichen und eine breitere Basis zu schaffen. Seit 1891 finden dort in der Folge jährlich Messungen statt - somit ist dies eine der längsten Messreihen an ostalpinen Gletschern!
Die einfachen Gletschermessungen gehen von markierten Fixpunkten im Gletschervorfeld aus (z.B. Rundbuckeln oder großen stabilen Blöcken). Von diesen Gletschermarken aus wird mit dem Kompass der Eisrand angepeilt und der Abstand mit dem Maßband festgehalten.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ermöglicht die Photogrammetrie (Bildmessung) eine rasche Vermessung der Gletscher und ihrer Oberflächen mit einer bis dahin undenkbaren Genauigkeit auch bis in kleine Teilbereiche. Durch wiederholte Messungen kann man Veränderungen der Gletscherdicke flächenhaft sowie in Einzelheiten erfassen und damit Zuwachs und Schwund festhalten. Das Gebiet der Berliner Hütte war in diesem Zusammenhang ein bedeutender Schauplatz in der Forschungsgeschichte.
In den Jahren 1913 und 1925 hielt Sebastian Finsterwalder (München), der führende Pionier der Gletscher-Fotogrammetrie, mit finanzieller Hilfe des Alpenvereins auf der Berliner Hütte seine ersten „Gletscherkurse“ ab. Dabei vereinigten sich ausgesuchte junge Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen und erfahrene Forscher bei praktischer und theoretischer Einführung in Methoden der Gletscheraufnahme und –forschung. Diese Kurse mit wechselnden Standorten entwickelten sich für die Forschung rasch zu einer prominenten Bühne. Der Gletscherkurs von 1951, der dritte auf der Berliner Hütte, wurde zu einem wissenschaftlichen Höhepunkt der gesamten naturwissenschaftlichen Hochgebirgsforschung.
Seit dem letzten Gletscherhochstand im Jahre 1850 hat sich das Landschaftsbild jedoch merklich verändert. Durch das Zurückschmelzen der Eismassen entstehen aber auch völlig neue Lebensräume. So wird auch in der Gletscherforschung nicht nur auf das „Ewige Eis“ sonder auch auf einen neu entstandenen Lebensraum, dem Gletschervorfeld, Bezug genommen. Durch den Rückzug gab das Eis neue Flächen preis, die in der Folge von Pionieren wie Blaualgen, Moosen und Flechten besiedelt wurden. Allmählich bevölkerten auch höhere Pflanzen und Tiere diesen neuen Lebensraum.




